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Im europaweiten Vergleich hat Russland mit rund einer Million Infizierten die höchste Infektionsrate mit dem HI-Virus. Die Zahl an infizierten Menschen im Land steigt immer weiter an. Allein im Jahr 2024 wurden laut dem russischen Gesundheitsministerium knapp 50.000 Neuinfektionen gemeldet.

Diese Zahlen sind zum einen auf die Heroinkrise in den 90er Jahren zurückzuführen, in der Drogenabhängige vom Gesundheitssystem vernachlässigt wurden, auf die aktuelle Situation an der Front des Ukraine-Krieges und auf den politischen Umgang mit HIV-Infektionen.

Deutlicher Anstieg im Kriegsgebiet
Da immer mehr Soldaten gebraucht werden, wurden auch zehntausende Häftlinge rekrutiert. Einige von ihnen sind HIV-positiv. Das liegt an der hohen Rate an Insassen, die infolge der Heroinkrise aufgrund von Drogenbesitzes inhaftiert worden sind – sie machen etwa ein Drittel aller Häftlinge in Russland aus. Die Rekrutierung von HIV-positiven Menschen ist in Russland eigentlich nicht vorgesehen, jedoch wird aufgrund des hohen Personalbedarfs oft nicht genau hingeschaut.

Hinzu kommt, dass manche Betroffene noch nichts von ihrer Infektion wissen oder sie bei der Rekrutierung bewusst verschweigen, um als Soldat Geld verdienen zu können.

An der Front besteht ein hohes Risiko für Übertragungen: durch Bluttransfusionen, unzureichende Hygiene in den Feldlazaretten oder durch die Wiederverwendung von Spritzen, Kathetern und OP-Besteck. Zudem kommt es auch im Kriegsgebiet zu Drogenkonsum oder ungeschütztem Geschlechtsverkehr, wodurch das Virus ebenfalls übertragen werden kann.

Diese Entwicklungen haben zur Folge, dass die Anzahl der infizierten Soldaten laut russischen Ärzten seit Kriegsbeginn massiv (Berichten zufolge um das 40-fache) gestiegen ist.

Die Rückkehr dieser Soldaten bei Kriegsende wird das ohnehin überlastete Gesundheitssystem in Russland vor zusätzliche Herausforderungen stellen.

Überforderung des Gesundheitssystems
Schon jetzt kann das russische Gesundheitssystem die hohe Infektionsrate kaum abfangen. Es wird seit mehreren Jahren von Engpässen bei HIV-Tests und Medikamenten berichtet. Zudem müssen Hilfswerke für HIV-Prävention aus finanziellen Gründen schließen. Besonders in Gefängnissen kommt es häufig zu Therapieabbrüchen, weil Medikamente fehlen. Für Infizierte sind nicht nur die Medikamente, sondern auch regelmäßige Tests zur Kontrolle der Viruslast überlebenswichtig.

Stigmatisierung und Diskriminierung erschweren die HIV-Bekämpfung
Die kürzliche Erhöhung des Budgets für Behandlung und Prävention durch die Regierung gilt als unzureichend und eher symbolisch. Gleichzeitig werden finanzielle Mittel aus dem Ausland verboten. Viele internationale Organisationen, wie die Elton John AIDS Foundation, mussten das Land verlassen. Sie wurden von der Regierung – beispielsweise unter dem Vorwand der „Propaganda nicht-traditioneller sexueller Beziehungen“ – als „unerwünschte Organisationen“ oder „ausländische Agenten“ eingestuft.

Hinzu kommt, dass der Zugang zum Gesundheitssystem für viele Betroffene wegen des hohen Maßes an gesellschaftlicher Stigmatisierung stark erschwert ist. Viele Erkrankte berichten von regelrechten Verhören durch medizinisches Personal, bei denen sie gedrängt werden offenzulegen, wie sie sich infiziert haben. Einige Menschen suchen daher trotz eines positiven Testergebnisses bewusst keinen Arzt auf.

Dabei widersprechen die tatsächlichen Zahlen den gesellschaftlichen Vorurteilen in Russland deutlich: Laut offiziellen Statistiken wurden 81 % der Neuinfektionen im Land durch heterosexuelle Kontakte übertragen, 14 % durch Drogenkonsum und nur 4 % durch homosexuelle Kontakte.

Die Kombination aus Krieg, Medikamentenmangel und gesellschaftlicher Stigmatisierung droht die HIV-Krise in Russland in den kommenden Jahren weiter drastisch zu verschärfen.

Quellen: Jo Angerer, Immer mehr HIV-Infektionen in Russland – das steckt dahinter [Internet]. 19.01.2026 [zitiert: 19.06.26]. Verfügbar unter: Calum MacKenzie, HIV breitet sich unter russischen Soldaten aus [Internet]. 14.04.2026 [zitiert: 19.06.26]. Verfügbar unter: