Moderne HIV-Therapien ermöglichen vielen Patient:innen eine nahezu normale Lebenserwartung. Viele Betroffene sind inzwischen über 50 Jahre alt. Mit zunehmendem Alter und mehr Begleiterkrankungen steigen meist die Medikamentenvielfalt und damit auch das Wechselwirkungsrisiko. Der Besuch von verschiedenen behandelnden Ärzt:innen, sowie die Nutzung frei erhältlicher Präparate oder Nahrungsergänzungsmittel, erhöhen diese Gefahr. Solche Wechselwirkungen können Nebenwirkungen verstärken oder die Wirksamkeit der HIV-Therapie beeinträchtigen.
Was Sie wissen sollten: Wechselwirkungen bei geboosterten HIV-Regimen
Bei geboosterten HIV-Regimen kommen Ritonavir oder Cobicistat als Wirkverstärker zum Einsatz. Sie dienen zur Verlangsamung des Abbaus bestimmter HIV-Medikamente (z.B. Protease-Inhibitoren wie Darunavir und Atazanavir, sowie den Integrase-Hemmer Elvitegravir). Dadurch wird die Wirkung dieser HIV-Medikamente verbessert. Die gleiche Verlangsamung des Abbaus kann allerdings auch andere Medikamente betreffen, die über ähnliche Stoffwechselwege abgebaut werden. Medikamente, die betroffen sein können umfassen unter anderem Statine (Cholesterinsenker), bestimmte Herz-Kreislauf-Medikamente, Psychopharmaka, Protonenpumpenhemmer (PPI), sowie direkte orale Antikoagulantien (DOAKs).
Sicherheit zuerst: Wichtige Interaktionen bei moderneren Therapien
Geboosterte HIV-Therapien werden im Behandlungsalltag zunehmend durch modernere Therapieregime ersetzt. Diese kommen häufig ohne Wirkverstärker aus und enthalten teilweise weniger Wirkstoffe mit relevantem Wechselwirkungspotenzial. Dennoch sollten auch bei modernen HIV-Therapien mögliche Wechselwirkungen mit anderen Arzneimitteln und Präparaten berücksichtigt werden.
So können Wirkstoffe wie Verapamil, Itraconazol oder Ciclosporin die Plasmakonzentration von einigen HIV-Medikamenten erhöhen und damit möglicherweise das Risiko für Nebenwirkungen steigern. Umgekehrt können Rifampicin, Carbamazepin und Johanniskraut die Konzentration von diesen HIV-Medikamenten im Blut senken. Dadurch kann die Wirksamkeit der HIV-Therapie beeinträchtigt werden, was zu einem Anstieg der Viruslast und im ungünstigen Fall zur Entwicklung von Resistenzen beitragen kann. Auch die Konzentration von Doravirin kann durch Rifampicin oder Johanniskraut deutlich reduziert werden.
Besondere Aufmerksamkeit ist zudem bei Integrasehemmern wie z.B. Raltegravir und Dolutegravir erforderlich. Mineralstoffe wie Aluminium, Calcium, Eisen, Magnesium und Zink können im Magen-Darm-Trakt mit diesen Wirkstoffen interagieren und deren Aufnahme in den Körper vermindern. Relevant sind dabei nicht nur verschreibungspflichtige Arzneimittel: Auch häufig frei verkäufliche Präparate können die HIV-Therapie beeinflussen. Dazu zählen beispielsweise Antazida, bestimmte Abführmittel, Multivitamin- und Mineralstoffpräparate, sowie Nahrungsergänzungsmittel und Protein-Shakes. Bei der Einnahme solcher Präparate sollte möglichst ein zeitlicher Abstand von mindestens zwei Stunden vor oder sechs Stunden nach der Einnahme des Integrasehemmers eingehalten werden.
Interaktionsrisiken minimieren: Tipps für eine sichere HIV-Therapie
Interaktionen können vielfältig auftreten – von Nahrungsergänzungsmitteln, über frei verkäufliche Mittel, bis hin zu verschreibungspflichtigen Medikamenten. Deshalb sollte die behandelnde Ärzt:innen über alle eingenommenen Medikamente informiert sein und vor dem Kauf rezeptfreier Produkte in der Apotheke nach möglichen Wechselwirkungen mit der HIV-Therapie gefragt werden. Auch der Beipackzettel enthält wichtige Hinweise zu möglichen Wechselwirkungen. Abschließend gilt: Eine sichere HIV-Therapie lebt von Transparenz und Zusammenarbeit – informieren Sie alle Beteiligten, damit Ihre Behandlung bestmöglich geschützt bleibt.
Quellen: Wechselwirkungen in der HIV-Therapie: Bedeutung eines geringen Interaktionspotenzials [Interview]. Infection & more. 2026. [Zugriff am 24.09.2026]. Verfügbar unter: Ausgabe 2/2026: Wechselwirkungen in der HIV-Therapie: Bedeutung eines geringen Interaktionspotenzials; Taubert S. Wechselwirkungen bei HIV-Medikamenten. Deutsche Aidshilfe [Online].[Zugriff am 24.09.2026]. Verfügbar unter: https://www.aidshilfe.de/de/wechselwirkungen-hiv-medikamenten ; MSD. HIV-Therapie & Selbstmedikation – Mögliche Wechselwirkungen. [Online]. [Zugriff am 24.09.2026]. Verfügbar unter: HIV-Therapie & Selbstmedikation – Mögliche Wechselwirkungen | MSD Gesundheit ; Meemken L. HIV-Therapie: Interaktionen noch aktuell? Meet the Experts – Die interdisziplinäre medizinische HIV-Plattform in Österreich. [Online]. [Zugriff am 24.09.2026]. Verfügbar unter: 18-MTE-Newsletter_ART-und-Interaktionen.pdf; Telha B, Dhamoon AS. Ritonavir. StatPearls [Internet]. [Zugriff am 24.09.2026]. Verfügbar unter: https://www.ncbi.nlm.nih.gov/books/NBK544312/; Wie moderne HIV-Therapien die Lebensqualität Ihrer Patient*innen verbessern können. HIV & more. 2022. [Zugriff am 24.09.2026]. Verfügbar unter: https://www.hivandmore.de/aktuell/2022-06/moderne-hiv-therapie.shtml ; Gilead Sciences GmbH. Fachinformation: Biktarvy® 30 mg/ 120 mg/ 15 mg Filmtabletten; Biktarvy® 50 mg/ 200 mg/ 25 mg Filmtabletten. Dezember 2025. [Zugriff am 24.09.2026]. Verfügbar unter: Biktarvy® 30 mg/120 mg/15 mg Filmtabletten Biktarvy® 50 mg/200 mg/25 mg Filmtabletten